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Geschäftsmodell sucht Resonanz

Anne Kolling, Gesellschafterin / Geschäftsführerin der K. Beratungs- und Projektentwicklungsgesellschaft mbH und Teammitglied von ThEx FRAUENSACHE. -

4. August 2026

Check Out 03 07 2026 8

„Womit willst du eigentlich in einem Jahr dein Geld verdienen?“

Diese scheinbar beiläufige Frage verändert oft den Blick auf eine Gründung.

Eine Gründerin erzählt von ihrer Idee: handgefertigte Keramik, Workshops, ein Online-Shop, Märkte, Kooperationen mit Concept Stores, Firmenpräsente. Alles klingt möglich. Doch genau darin liegt häufig die Herausforderung: Zu viele Optionen erschweren klare Entscheidungen.

Die meisten Gründerinnen starten nicht mit einem Mangel an Ideen, sondern mit einem Überfluss. Leidenschaft und fachliche Kompetenz sind vorhanden, oft auch erste Kund:innen. Was fehlt, ist die unternehmerische Klarheit: Wer ist die Zielgruppe? Welches Angebot schafft den größten Nutzen? Wie lässt sich damit nachhaltig Geld verdienen?

Hier setzt das Peer-Learning von ThEx FRAUENSACHE. an. Statt klassischer Wissensvermittlung in Seminarform oder Beratung arbeiten Gründerinnen sechs Monate lang in kleinen Peergroups von fünf bis sieben Frauen gemeinsam an ihren Geschäftsmodellen. Und profitieren von der kleinen Gruppe. Grundlage ist die Business Model Canvas, ergänzt durch 24 aufeinander aufbauende Wochenaufgaben. 

Lernen durch Fragen statt durch fertige Antworten

Im Mittelpunkt stehen hilfreiche Fragen:

  • Wer kauft dein Angebot – und warum?
  • Welches Problem löst du?
  • Wie erreichst du deine Kund:innen?
  • Welche Einnahmen brauchst du tatsächlich?
  • Was solltest du zuerst testen?

Durch diesen strukturierten Austausch unter den Teilnehmerinnen werden Ideen Schritt für Schritt zu tragfähigen Geschäftsmodellen. Jede Teilnehmerin arbeitet an ihrem eigenen Vorhaben, erhält Feedback aus der Gruppe und entwickelt daraus konkrete nächste Schritte.

Die Kraft der kleinen Gruppe

Viele Gründerinnen entwickeln ihre Geschäftsidee neben Beruf, Familie oder Care-Arbeit. Informationen gibt es heute genug – schwieriger ist es, Entscheidungen zu treffen und konsequent umzusetzen.

Hier entfaltet die Peergroup ihre Stärke. Die Teilnehmerinnen spiegeln sich gegenseitig, stellen kritische Fragen und machen Mut. Sie erleben, dass Unsicherheiten, Preisfragen oder Zweifel keine persönlichen Schwächen sind, sondern typische Herausforderungen einer Gründung.

Die Gruppe wird damit zum Resonanzraum: konstruktiv, ehrlich und verbindlich. Und diese Erfahrung verändert die innere Einstellung zu sich selbst und dem Vorhaben. „Ich bin noch nicht weit genug“ wandelt sich zu „Ich bin in Entwicklung“. Anstelle von „Ich müsste das längst können“ heißt es nun: „Ich kann diesen nächsten Schritt bearbeiten“. 

Entwicklungsprozesse, die selbstgesteuert sind, spielen im Peer-Learning eine zentrale Rolle. Aber selbstgesteuert heißt nicht: Jede Frau muss alles allein schaffen. Es bedeutet: Jede Gründerin bleibt die Autorin ihres eigenen Weges, doch sie geht ihn nicht ohne Resonanz, nicht ohne eine Struktur, die Sicherheit bietet, und nicht ohne menschlichen Rückhalt.

Die Peergroup unterstützt jede Teilnehmerin dabei, ihre eigene Lösung klarer zu formulieren und dadurch in die Umsetzung zu kommen.

Wenn Möglichkeiten zu Prioritäten werden

Die Keramik-Gründerin erkennt im Austausch, dass ihr Problem nicht die Qualität ihrer Produkte ist. Ihr fehlt vielmehr der Fokus.

Ein Online-Shop, Märkte, Workshops oder Firmenkunden – alles gleichzeitig zu starten ist kaum möglich. Gemeinsam arbeitet die Gruppe heraus, welche Idee zuerst getestet werden sollte und welche Annahmen überprüft werden müssen.

Aus vielen Möglichkeiten entsteht eine klare Priorität.

Fürsorge braucht ein tragfähiges Geschäftsmodell

Eine andere Gründerin entwickelt ein Unterstützungsangebot für Familien mit behinderten Kindern. Ihre Motivation ist groß, ihr Wunsch zu helfen ebenfalls. Doch ihr Angebot bleibt zunächst zu offen.

Die Peergroup hilft ihr, zentrale Fragen zu beantworten:

  • Was genau gehört zu meiner Leistung?
  • Wo liegen meine Grenzen?
  • Welcher Preis ist wirtschaftlich sinnvoll?
  • Wie verhindere ich, dass ich mich selbst überfordere?

Gerade Gründerinnen mit sozialen oder beratenden Angeboten unterschätzen häufig den Wert ihrer eigenen Arbeit. Ein nachhaltiges Geschäftsmodell schützt deshalb nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Gründerin selbst.

Kleine Schritte statt Überforderung

Ein Geschäftsmodell entsteht nicht an einem Wochenende.

Deshalb gliedern die 24 Wochenaufgaben den Entwicklungsprozess in überschaubare Etappen: Zielgruppe, Nutzenversprechen, Preisgestaltung, Kommunikation, Vertrieb oder Finanzierung stehen jeweils nacheinander im Fokus.

Der Wert dieser Aufgaben liegt nicht nur im Inhalt, er liegt auch im Rhythmus. Jede Woche entsteht ein Anlass, am eigenen Business weiterzuarbeiten. Nicht irgendwann, wenn Zeit ist, sondern konkret, zeitbegrenzt und anschlussfähig.

Die Gründerinnen teilen ihre Zwischenergebnisse mit der Gruppe, bekommen Rückmeldungen und kollegiale Impulse und gestalten daraus den nächsten Schritt. So können sie unternehmerische Handlungsfähigkeit entwickeln.

Wenn Kreativität einen Fokus benötigt

Besonders sichtbar wird das bei Gründerinnen, deren Dilemma häufig darin besteht, zu viele Ideen zu haben. Ideenüberschuss ist fast ein Merkmal dieser Anfangszeit. Hier braucht es wirksame Filter. 

Eine junge Unternehmerin kreiert zum Beispiel eine digitale Dienstleistung, denkt schnell, nutzt neue Tools und entwirft in kurzer Zeit mehrere Varianten ihres Angebots: Online-Kurs, Newsletter, Community, App, Beratung, digitale Vorlagen. Es sieht auf den ersten Blick kraftvoll aus. Beim genaueren Hinsehen droht Verzettelung.

In der Peergroup wird ihre Kreativität nicht gebremst; sie findet dort einen Kanal. Die wichtigen Fragen sind: Welches Problem gehst du zuerst an? Wer braucht was dringend von dir? Was lässt sich in vier Wochen testen? Was gehört in die Zukunft, aber nicht in den nächsten Schritt?

Die Gründerin lernt, dass unternehmerische Stärke nicht darin liegt, sich alle Möglichkeiten offen zu halten. Stärke entsteht durch Entscheidung und Weglassen: durch den Mut, eine erste Version zu veröffentlichen, anstatt im perfekten Konzept gefangen zu sein.

Wenn ich es wage, kraftvoll zu sein und meine Stärke in den Dienst meiner Vision zu stellen, wird es immer unwichtiger, ob ich Angst habe.

Audre Lorde

Mehr als Netzwerken

Peer-Learning ersetzt keine Fachberatung, steuerliche Prüfung, Marktanalyse oder Arbeit an Finanzierung, Rechtsform und Förderfragen. Sein Vorteil liegt woanders: Es schafft einen kontinuierlichen Resonanzraum, in dem Wissen, Erfahrung und Umsetzung verbunden werden.

Klassische Qualifizierungsformate bleiben wichtig. Gründerinnen benötigen fachliches Wissen über Markt, Finanzen, Recht, Förderung, Vertrieb, Kommunikation und Organisation. Doch allein mit Wissen baut man kein Unternehmen. Vielen fehlt ein stabiler Ort, an dem sie dieses Wissen auf ihr eigenes Vorhaben anwenden können.

Mit der Zeit entstehen Vertrauen, Verbindlichkeit und oft auch langfristige Beziehungen. Die Gruppen, die bereits fertig sind, treffen sich über das offizielle Programm hinaus weiter, unterstützen sich gegenseitig und bleiben im Austausch.

Unternehmerische Klarheit entsteht im Dialog

Nach sechs Monaten verlassen die Teilnehmerinnen das Programm mit unterschiedlichen Ergebnissen: Die eine hat ihr Angebot geschärft, eine andere ihre Zielgruppe präzisiert oder ihre Preisstrategie angepasst. Manche erkennen sogar, dass ihre ursprüngliche Idee so nicht funktionieren wird – und vermeiden dadurch kostspielige Fehlentscheidungen.

Peer-Learning gibt keine fertigen Lösungen vor. Es schafft einen Rahmen, in dem Gründerinnen ihre eigenen Antworten entwickeln, fundierte Entscheidungen treffen und ein Geschäftsmodell gestalten, das sowohl wirtschaftlich tragfähig als auch persönlich passend ist.

Denn oft beginnt unternehmerische Klarheit mit einer einzigen Frage:

„Womit willst du eigentlich in einem Jahr dein Geld verdienen?“

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