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Vom Abenteuer der Gründung und der Romantik der Thüringer Unternehmenskultur

ThEx Management -

15. Juni 2026

Maximilian stiebling die teigmacher
DSC 8331 klein

Eigentlich wollte Maximilian Stiebling nie eine eigene Bäckerei gründen. Heute gehört er mit seinem Unternehmen „Die Teigmacher“ zu den ausgezeichneten Erfolgsgeschichten des ThEx AWARDs. Im Gespräch erzählt er von Waldläufen während der Corona-Pandemie, Existenzängsten beim Aufbau des eigenen Unternehmens, der besonderen Unternehmenskultur in Thüringen und warum Zuversicht für Gründer:innen oft wichtiger ist als die perfekte Planung.

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Was lieben Sie mehr: den Geruch von frischem Brot oder den ersten Kaffee danach?

Frisch gebackenes Brot. Da gibt es diesen einen Geruch. Wenn das Brot auf der heißen Steinplatte röstet und kurz vor dem Punkt steht, an dem es fast schon zu dunkel ist. Wenn der Fermentationsprozess dann gut genug war, entwickelt es einen Geruch, der ganz intensiv, ganz speziell ist. Ich kann ihn nicht beschreiben, aber er ist phänomenal, nicht kopierbar und auch nicht vergleichbar. Er erhebt mich einfach.

 

Warum Thüringen? Warum Bad Tabarz?

Thüringen ist ein bisschen wie eine Insel. Und auch Bad Tabarz ist so ein kleines Eiland am Rande des Thüringer Waldes – direkt am Großen Inselsberg gelegen. Da passt dazu, dass Thüringen eigentlich flächenmäßig relativ groß, aber im Vergleich zu anderen Bundesländern eher dünn besiedelt ist. Trotzdem hast du aber überall diese kleinen kulturellen, individuellen Hotspots in Thüringen, an denen sich Leute untereinander vernetzen. Das ist eine Sache, die ich so gar nicht auf dem Schirm hatte, als ich damals gegründet habe, aber sehr liebe und nicht missen möchte.

 

Heißt das, Sie haben Thüringen – Ihre Heimat – als Gründer und Unternehmer noch einmal neu kennengelernt?

Durch meine verschiedenen Angestellten-Verhältnisse bin ich in ganz Deutschland rumgekommen. Dabei habe ich gemerkt, dass Mitarbeiter eben oft auch einfach nur Mitarbeiter einer Firma sind. Aber hier in Thüringen, das wirtschaftlich so stark von Einzelunternehmern und kleinen und mittelgroßen Unternehmen geprägt ist, trifft man Menschen – egal ob Geschäftsführer oder Mitarbeiter –, die ganz anders hinter ihrer Firma stehen. Sie sind motivierter und wollen ihr Projekt wirklich vorantreiben. Und das alles ohne Ellenbogen, sondern in einem Miteinander.

Viele dieser Menschen haben zudem einen starken Bezug zu der Region, in der sie leben, zu ihrer Heimat – ganz egal wo in Thüringen. Das macht richtig Spaß. Und das ist für mich privat auch viel wichtiger, als das rein Monetäre. Das gibt dem Unternehmerischen ein Stück Schönheit, ein bisschen Romantik.

 

Sie sind mit dem Bäckerhandwerk groß geworden. Wie war es für Sie, in einer Unternehmerfamilie aufzuwachsen?

Ich bin 1989 geboren, gerade noch so in der DDR. Dann kam die Wende. Mein Papa hat 1987 die Dorfbackstube seines Onkels übernommen. Meine Eltern hatten in den 90er Jahren eine sehr erfolgreiche Phase, haben neue Bäckereien und Filialen eröffnet. In diesem wachsenden und sich entwickelnden Betrieb bin ich als Kind groß geworden. Daher habe ich persönlich diese Zeit als eine positive und im wirtschaftlichen Aufschwung begriffene Phase wahrgenommen. Erst viel später wurden mir die Dynamiken zu dieser Zeit bewusst: Treuhand, Rückbau der Industrie und Wegzug.

 

Sie selbst haben auch die Ausbildung zum Bäcker gemacht, einen Meister drangehangen und beides als Jahrgangsbester abgeschlossen. Ging Ihr Weg zum eigenen Unternehmen dann ebenso geradlinig weiter?

Ich hatte nie einen fest geplanten Lebensweg. Ich hatte lediglich zwei Varianten im Kopf: Entweder gehe ich in das Bäckereihandwerk oder ich studiere Wirtschaftsinformatik – ich war schließlich Unternehmerkind und habe gerne Computer gespielt. Aber ich hatte kein konkretes Ziel vor Augen, an dem ich ankommen wollte. Nur eines war mir immer klar: Ich möchte keine eigene Bäckerei gründen. Durch die Ausbildung habe ich den wirtschaftlichen Hintergrund des Handwerks kennengelernt. Um nur ein Brötchen für ca. 60 Cent verkaufen zu können, musst du erst einmal 100.000 Euro in eine ordentliche Backstube investieren. Deshalb habe ich damals gesagt, dass sich das als Unternehmung nicht rechnet.

Erst als ich dann in den Sommerferien zwischen der 11. und 12. Klasse in Indien im Fundament einer neuen Bäckerei stand, die mein Papa dort errichtete, dachte ich mir: Das ist so ein riesiges Abenteuer, da möchte ich auch irgendwann, irgendwie mitmachen. Und deshalb habe ich dann den Weg des Bäckers eingeschlagen.

Auch heute ist es mein maßgeblicher Antrieb, unternehmerische Abenteuer zu erleben. Und die Selbstständigkeit ist definitiv ein Abenteuer. Du weißt nie, was dir morgen widerfährt.

Portrait maximilian stiebling freig
Maximilian Stiebling Gründer & Geschäftsführer "Die Teigmacher"

Insbesondere in der wirtschaftlichen Lage, in der wir uns gerade befinden, versucht man immer die Opportunitäten, die sich bieten, zu nutzen. Dabei kann man bei 90 Prozent der Entscheidungen, die man trifft, nicht sicher sein, ob sie ein Fehler sind. Das ist das, was mir Spaß macht.

 

Und wie kam es dann von dieser Entscheidung zur eigenen Bäckerei?

In meinen 20ern hatte ich bereits in den verschiedensten Unternehmen mindestens mal ein paar Monate gearbeitet – von der kleinen Handwerksbäckerei, in welcher sie mit einem enormen Aufwand Premium-Brote von Hand herstellten bis zur Mono-Industrie, in der 5.000 Baguettes die Stunde vom Band liefen. In dieser Zeit hatte ich fünf Schulter-Operationen, weil ich sie mir immer wieder ausgekugelt habe. Deshalb habe ich mir fest vorgenommen: Ich will mit 30 fitter sein als mit 20. 

Irgendwann war ich dann 29 1/2, der Regionalleiter eines großen Handelsunternehmens mit Bäckerei-Sparte und fassungslos unglücklich. Ich war so unzufrieden, dass ich morgens mit Magenkrämpfen zur Arbeit gefahren bin und einfach nicht wusste, wohin mit mir. Dann wurde mir durch reinen Zufall ein Buch empfohlen. Erst nachdem ich schon einige Zeit darin gelesen habe, wurde mir bewusst, dass es sich dabei um die Autobiographie eines Ultra-Marathon-Läufers handelte. Ich las, wie der Autor 24 Stunden lang durch Regen und Matsch über Hawaii gelaufen ist. Da dachte ich mir: „Du könntest eigentlich auch mal wieder eine halbe Stunde laufen gehen.“ Und so bin ich in den ersten 100 Tagen jeden Tag gelaufen. Hier konnte ich all die Energie, die ich nicht in meine Arbeit stecken konnte, loswerden.

Durch das Laufen habe ich dann auch einen sehr guten Freund, Norman, kennengelernt. Während der Einschränkungen zur Zeit der Corona-Pandemie haben wir sehr viele Stunden im Wald verbracht – ohne Telefon, ohne Ablenkung, dafür aber bei einer körperlichen Aktivität. Dabei konnten wir klar denken. Während der gemeinsamen Gespräche haben wir uns auch immer wieder über unsere Arbeitgeber ausgelassen. Irgendwann kamen wir dann an den Punkt, an dem wir die Entscheidung trafen: Wir gründen unser eigenes kleines Unternehmen. Ich bin der Gründer und Norman mein Mitarbeiter Nummer eins. Ich backe ein paar Brote irgendwo in einer gefliesten Garage und Norman verkauft sie auf dem Markt. Tolle Idee. Da haben wir Zeit für uns. Naja. Und fünf Jahre später sitzen wir hier.

Gab es einen Moment, in dem Ihnen bewusst wurde: Das wird jetzt von unserer Leidenschaft zu einem echten Business mit Verantwortung?

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Eigentlich war es vom ersten Moment an so. Nur habe ich noch die ersten drei Jahre mit der Identität eines Kleinstunternehmers gelebt. Als wir den Entschluss gefasst hatten, sind wir in Bad Tabarz zum Bürgermeister gegangen und haben ihn gefragt: „Hey, wir haben eine Idee, hast du eine Immobilie, wo wir backen können?“ Jetzt steht das Rathaus direkt gegenüber vom Kurpark. In diesem Park gibt es einen schönen Springbrunnen, denkmalgeschützte Rotbuchen und diesen großen Pavillon – die Lesehalle. Unser Bürgermeister ging ans Fenster, zeigte darauf und sagte: „Da könnt ihr machen, was ihr wollt.“ 

Bestimmt ein halbes Jahr habe ich dann geplant, wie ich eine Bäckerei in diesen Pavillon bauen kann, bis mir bewusst wurde: Das ist nicht der Ort für eine Bäckerei, sondern für ein Café. Das hat natürlich einiges geändert. Zwar habe ich mich sehr gefreut, einen Grund zu haben, mir eine große, teure Siebträgermaschine zuzulegen (lacht), aber das bedeutete auch, dass wir eine ganz andere Ausstattung brauchten, am Wochenende öffnen mussten und ein viel größeres Sortiment anbieten mussten.

Wir haben dann ein sehr schönes Café eingerichtet. Aber wir hatten immer noch keine Backstube, wo wir die Ware herstellen konnten (lacht). Am Ende hat dann geholfen, dass ich meine Eltern hatte. Für die elterliche Backstube haben wir einen Mietvertrag geschlossen. Ich habe dort über den Mittag, immer wenn die Frühschicht fertig war, meine Teige hergestellt und am Nachmittag haben wir unseren Laden eröffnet. Das haben wir ein halbes Jahr lang gemacht, bis wir entschieden haben: Das Konzept funktioniert und wir brauchen jetzt eine eigene Backstube. Zum Glück haben wir dann diese wunderschöne, leerstehende Fleischerei in Bad Tabarz anmieten können und haben dort unsere Bäckerei reingezimmert.

 

Welche Eigenschaft hat Ihnen auf Ihrem Gründungsweg besonders geholfen?

Im Rückblick denke ich, dass es drei Eigenschaften sind, die mir auf meinem Gründungsweg besonders geholfen haben: Motivation, Ehrgeiz und Naivität. Die brauchst du, um als Gründer bzw. Unternehmer erfolgreich zu sein. 

Du brauchst die Motivation, überhaupt etwas anzufangen. Du brauchst die Naivität, um alles eben nicht bis ins Finale durchzudenken und bei jedem Ding am Ende zu wissen, dass es sich nicht rechnet. Und du brauchst einfach einen Haufen Ehrgeiz, damit du, wenn du bei Regen im Dreck steckst und dich einen Hügel hoch kämpfen musst, nicht aufhörst, sondern weitermachst.

Portrait maximilian stiebling freig
Maximilian Stiebling Gründer & Geschäftsführer "Die Teigmacher"

Wann hatten Sie zuletzt echte Zweifel?

Ich hatte bis Ende 2025 zweimal im Monat Phasen der Existenzangst. Einfach, weil einmal im Monat die Lohnabrechnungen gemacht und einmal die Sozialversicherungsbeiträge abgeführt werden müssen. Das ist zwar alles richtig so, aber als Kleinunternehmen in einer nicht sehr rendite-starken Branche, welches sich gerade im Aufbau bzw. Wachstum befindet, ist das jedes Mal ein ganz schöner Kostenblock. Das macht etwas mit dir. Vor allem, wenn du gleichzeitig deinen Kontostand im Blick hast und jeden Euro möglichst wirksam einsetzen möchtest. Über diesen Punkt bin ich glücklicher Weise mittlerweile hinweg. Wir befinden uns in einer guten Entwicklungsphase.

Keiner im Land – nicht der Bundeskanzler und erst recht nicht der normale Bürger – weiß, was in einem oder auch zehn Jahren passieren wird. Optimismus ist das Einzige, was uns helfen kann. Ansonsten rennen wir nur noch panisch durch die Gegend. Aber auch bei so einem Abenteuer – durch welches gerade gefühlt die ganze Welt geht – versuche ich, jedes neue Projekt offen und flexibel anzugehen. Selbstverständlich machst du eine Planrechnung, aber die kannst du immer nur auf dem Ist-Zustand aufbauen und was in einem halben Jahr ist, weiß keiner. Das wusste noch nie jemand. 

 

Was ging in Ihnen vor, als Sie 2022 beim ThEx AWARD Ihren Namen in der Kategorie GRÜNDEN gehört haben und die Trophäe überreicht bekommen haben?

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(lacht) Der Tag der Preisverleihung war richtig spektakulär. Das war im Herbst 2022, wir waren gerade dabei, die Bäckerei aufzubauen und gleichzeitig flammte der Ukraine-Krieg so richtig auf. Das bedeutete für uns explodierende Kosten – ob für Materialien, Rohstoffe oder Edelstahl. Dementsprechend reichte das Geld hinten und vorne nicht. Das war eine Phase, in der ich nicht wusste, machen wir nächste Woche unsere neue Bäckerei auf oder sind wir dann schon insolvent und es ist vorbei.

Mit diesem Gefühl sind Norman und ich dann also die halbe Stunde von Bad Tabarz nach Erfurt zur Preisverleihung gefahren. Im Auto habe ich die ganze Fahrt lang ein „Mimimi-Trauer-Lied“ gesungen (lacht). Ich habe mir einfach alles von der Seele geredet. Dann habe ich mir gesagt: „Na gut, jetzt gehen wir da mal hin".

Ich glaube, ich war darauf vorbereitet, dass wir einen Preis bekommen, aber war mir gleichzeitig felsenfest sicher, dass es maximal Bronze ist – der Trostpreis für die Dorfbäckerei. Als wird dann aber weder beim dritten, noch beim zweiten Platz genannt wurden, habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Ich war überglücklich und bin mit sehr viel Rückendwind von der Preisverleihung wieder nach Hause gefahren. Von dem Preisgeld konnte ich dann auch gleich die Handwerker-Rechnungen bezahlen (lacht). Es hat also einen guten Nutzen gefunden.

 

Warum lohnt sich eine Bewerbung beim ThEx AWARD?

Für mich war es viel wert, dass ich mich durch die Bewerbung mal aus einer anderen Perspektive mit dem eigenen Unternehmen auseinandersetzen konnte. Das kommt vor allem auch dadurch, dass die Kategorien so aufgebaut sind, dass die einzelnen Projekte eigentlich komplett unvergleichbar sind. Gemeinsam haben sie lediglich die Entwicklungsstufe. Einer meiner Konkurrenten war beispielsweise ein Hightech-Optik-Startup.

 

Was würden Sie Gründer:innen raten, die gerade darüber nachdenken, sich zu bewerben?

Ich würde jedem Gründer raten, unbedingt mitzumachen. Punkt. Du hast null Risiko und nur die Chance, zu gewinnen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

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