Mit seinem Unternehmen "wendeblatt - Individuelle Jugendhilfe" geht Martin Emberger dorthin, wo andere längst aufgegeben haben: Seine pädagogischen Fachkräfte sind monatelang mit sogenannten Systemsprengern zu Fuß in der Natur unterwegs und schaffen so Raum für Veränderung. Für diesen außergewöhnlichen Ansatz und seine unternehmerische Kompetenz wurde er beim ThEx AWARD 2025 in der Kategorie DURCHSTARTEN ausgezeichnet. Seine Vision: In der Zukunft soll jede:r Jugendliche die Chance haben, an einem solchen Reiseprojekt teilzunehmen. Im Interview spricht er über Zuversicht, Unternehmertum und warum es wichtig ist, nicht darauf zu warten, dass andere die Dinge angehen.
Jetzt für den ThEx AWARD bewerben!Lieber Home- oder Lieber „Tent-Office"?
Tent-Office. Natürlich bin ich lieber draußen. Aber wenn ich mal eine lange Zeit draußen war, freue ich mich schon auch immer, wenn ich dann mal wieder von drinnen arbeiten kann.
Würden Sie sagen, dass Sie als Pädagoge Zuversichts-Profi sind?
Mein Geschichtslehrer hat immer gesagt: Pessimismus ist Optimismus auf lange Sicht. In der Arbeit mit Systemsprengern versuchen wir Pädagogen immer hinter die Fassade der Jugendlichen zu schauen, herauszukitzeln was in ihnen steckt und sie zu fördern. Gleichzeitig müssen wir aber auch immer mit Schwierigkeiten rechnen und uns darauf vorbereiten. Denn nur wenn man mit ihnen rechnet, kann man sie auch angehen. Ich glaube vorbereitete Zuversicht ist das, was man braucht. Das bedeutet, aktiv anzupacken und nicht darauf zu hoffen, dass andere es genauso machen, wie man es selbst gerne hätte.
Beschreiben Sie uns ein Reiseprojekt. Wie läuft das ab?
Wir sind die Spezialeinheiten der Jugendhilfe. Da wo andere aufhören, fangen wir an. Wir arbeiten mit Systemsprengern, bei denen die Jugendämter nicht mehr weiterkommen. Und wir tun das draußen. Bei uns ist jeder Jugendliche mehrere Monate mit einer Fachkraft unterwegs – mit Rucksack, zu Fuß und quer durch Deutschland. Es gibt nur die beiden in der Natur mit ganz viel Zeit zum Klarkommen. Dieser Rahmen bietet Raum, Freiheit, aber auch direkte Rückmeldungen und Konsequenzen. Das hilft vielen Jugendlichen.
Welche Rolle spielen die Natur und die körperliche Auslastung bei den Projekten?
Der körperliche Aspekt ist definitiv ein wichtiger Bestandteil des Projekts: Die Jugendlichen müssen jedes Gramm in Rucksäcken auf dem Rücken tragen und jeden Schritt allein gehen. Jeden Abend müssen sie sich einen Lagerplatz suchen, das Zelt aufstellen und morgens müssen den Hintern aus ihrem warmen Schlafsack bekommen.
Dadurch, dass der Körper permanent beschäftigt ist, wird den Jugendlichen nicht so schnell langweilig. Aber der Kopf hat halt keine Aufgabe. Und genau diesen Punkt wollen wir erreichen. Dann fangen die jungen Menschen an, nachzudenken. Es dauert in der Regel ein paar Wochen, bis dieser Punkt erreicht ist, aber dann wird es gut. Bis man an diesem Punkt ist, kann es aber schon manchmal ganz schön schwierig sein. Es gibt Jugendliche, die einen Monat lang durcheskalieren, bis sie merken, dass wir nicht aufgeben.
Was begeistert Sie am meisten an Ihrer Tätigkeit und was sind vielleicht auch die Herausforderungen?
Das Tolle an meinem Job ist definitiv die Abwechslung. Klar gibt es Momente, in denen ich oft im Büro sitze, aber dann bin ich auch wieder viel unterwegs, besuche Reiseprojekte, arbeite aus dem Tent-Office oder führe Bewerbungsgespräche mit Jugendlichen oder anderen Fachkräften.
Dabei hält der Job immer wieder Überraschungen bereit: Beispielsweise haben wir einmal mit einem Jugendlichen gearbeitet, der abgehauen und nach ein paar Tagen nicht in seinen Wanderklamotten, sondern in einem dreiteiligen Anzug wiederkam. Da habe ich gesagt: Völlig egal, wo du den Anzug her hast – schön, dass du wieder da bist.
Und das ist genau das Spannende daran: Es gibt eigentlich keine Konstante, es ist immer wie eine Achterbahnfahrt. Es gibt Krisen und Herausforderungen, aber wenn man diese managet und dann beispielsweise wieder unterwegs sein kann mit dem Jugendlichen, dann ist das etwas wahnsinnig Tolles.
Was natürlich nicht so schön ist, ist, dass es durchaus sein kann, dass man um 4:45 Uhr morgens von der Bundespolizei wachgeklingelt wird, weil ein Teilnehmer irgendwo aus einem ICE gefischt wurde. Generell ist es oft auch eine Herausforderung, außenstehenden Erwachsenen unsere Projekte zu erklären. Abgesehen davon gibt es natürlich jede Menge Papierkram zu erledigen.
Was hat Ihnen damals die Sicherheit gegeben, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?
Die Sicherheit, die ich jetzt habe – fast sechs Jahre nach der Gründung – die hatte ich natürlich am Anfang nicht. Diese Sicherheit wird man auch nicht haben. Aber genau das ist es, was es auch so spannend macht und dafür sorgt, dass man den Hintern hochbekommt. Sie sorgt dafür, dass man kreativ wird. Irgendwann muss man einfach den Entschluss fassen. Man darf nicht darauf warten, dass es andere so machen, wie man es gerne hättest.
Wie gestaltet sich die Wachstumsphase Ihres Unternehmens?
Man muss immer gucken, dass man nicht in die Falle tappt, alles selbst machen zu wollen. Je größer die Organisation wird, desto mehr Verantwortung muss man zwangsläufig abgeben. Das machen wir mit den Fachkräften, aber eben auch bei Anwälten oder Steuerberatern so. Verantwortung abzugeben fällt mir auch nicht immer ganz leicht. Darum ist es mir umso wichtiger, die Aufgaben an Personen zu geben, die ich gut kenne und denen ich vertraue.
Wie sieht aktuell Ihre Rolle als Geschäftsführer aus?
Ganz am Anfang habe ich noch selbst Reiseprojekte durchgeführt und währenddessen alles aus dem Tent-Office organisiert. Das ist mittlerweile nicht mehr der Fall. Natürlich besuche ich die Projekte noch, aber übernehme selbst keine Schützlinge mehr. Mittelfristig werde ich mich auch noch mehr auf die Unternehmer-Rolle konzentrieren, um das Unternehmen noch professioneller aufzustellen. Dabei habe ich einen sehr hohen Anspruch. Ich will der aller beste sein (lacht). Ich versuche nicht am Status Quo stehen zu bleiben, sondern die Organisation qualitativ und inhaltlich immer weiterzuentwickeln.
Haben Sie sich als Pädagoge Handlungsweisen und Denkmuster angeeignet, die Ihnen jetzt als Unternehmer helfen?
Es ist so, dass man immer seine eigene Einstellung zur Situation frei wählen kann. Ich glaube, dass da viele Leute in einer Negativspirale oder negativen Denkmustern feststecken. Was mir als Pädagoge hilft, ist, dass ich immer versuche, die Denkmuster meines Gegenübers herauszufinden, um zu wissen, wie ich mit ihnen arbeiten kann – egal, ob auf pädagogischer oder auf unternehmerischer Seite. Natürlich gibt es auch ein paar Tricks und Tipps aus der pädagogischen Psychologie, die man auch gut als Unternehmer anwenden kann. Ein schönes Beispiel ist es, negative Formulierungen zu vermeiden. Also beispielsweise nicht zu sagen, was der andere nicht machen soll. So bleibt lediglich im Kopf, was nicht gemacht werden soll. Besser ist es, Ziele zu formulieren und hier auch gerne konkret zu werden – nicht nur Wünsche, sondern richtige Ziele zu formulieren.
Wie gehen Sie mit unternehmerischen Rückschlägen um?
Natürlich darf man sich erst einmal ärgern. Und man kann sich auch einmal bei anderen auskotzen. Dann muss man sich aber fragen, ob sich der Kampf um die Sache lohnt oder ob man sie lieber abhaken und weitermachen sollte. Wenn die Angst zu groß wird, dann kann sie einen lähmen. Evolutionär bedingt wiegt die Angst nämlich immer schwerer als die Hoffnung. Wenn wir früher einen Fehler gemacht haben, konnte er schnell tödlich enden. Heute befinden wir uns ja in einer ganz anderen Situation und meistens ist das Ganze gar nicht so schlimm, wie man es im ersten Moment wahrnimmt. Trotzdem sind wir aber noch so programmiert. Ich glaube das Einzige, was dann hilft, ist zu versuchen, die Sachebene über die Emotionen zu stellen, um wieder handlungsfähig zu werden. Das ist aber natürlich super schwer, weil wir immer mit Emotionen zu tun haben.
Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich sagen, das gerade am Anfang seines Gründungsweges steht?
Ich gebe zwei Antworten. Zunächst die klischeehafte: Du musst nur an dich glauben und dann kannst du alles erreichen. Blablabla (lacht).
Und mein ernsthafter Ratschlag an mein jüngeres Ich wäre: Mach nicht zu viel auf einmal, konzentriere dich auf eine Sache. Versuche nicht alle zu erreichen, sondern die Richtigen – diejenigen, die genau das suchen, was du anbieten kannst. Und kalkuliere für alles doppelt so viel Zeit und Geld ein. Außerdem solltest du nicht darauf warten, bis du einen perfekten Plan hast. Er wird nie perfekt sein, aber er kann es auf dem Weg werden. Und nicht zuletzt: Hol dir Profis ins Boot. Fang nicht an, an einem eigenen Logo zu basteln. Es gibt Leute, die das richtig gut machen.
Wie konnte Sie das ThEx auf Ihrem unternehmerischen Weg begleiten?
Ich bin damals zuerst zur Gründungsberatung an der Uni gegangen und die haben mir das ThEx empfohlen. In Jena hat mich dann Josephine von ThEx Enterprise an die Hand genommen. Wir haben gemeinsam einen Businessplan erstellt und als sie ihn dann so groß an die Wand geworfen hat, dachte ich: „Mega! Das kann wirklich etwas werden!“ Manchmal braucht man einfach jemanden, der gemeinsam mit einem die ersten Schritte geht. Und wenn es nur ist, Dinge auf bunte Zettel zu schreiben und an die Wand zu kleben. Zusätzlich habe ich dann auch die Seminare besucht, von denen ich ganz begeistert war. Dort konnte ich mich vernetzen und viel Wissen mitnehmen. Das kann ich jedem wirklich nur empfehlen.
Was ging in Ihnen vor, als Sie beim ThEx AWARD Ihren Namen gehört haben und die Trophäe überreicht bekommen haben?
Also, es wird ja nicht direkt verkündet, wer gewonnen hat, sondern in der Laudatio wird das Unternehmen nur Stück für Stück beschrieben. Und dann fragt man sich erst: „Könnten wir das vielleicht sein?“ Als es dann nach und nach immer klarer wurde, habe ich richtig gemerkt, wie mein Puls hoch ging, mein Herz immer schneller geschlagen hat und mein Adrenalinspiegel angestiegen ist. Und dann war es klar und ich durfte auf die Bühne kommen. Das hat sich einfach super angefühlt und ich war sehr viel aufgeregter, als wenn ich mit einem Jugendlichen, der gerade ausrastet, eine Krise bewältigen muss.
Warum lohnt sich eine Bewerbung beim ThEx AWARD?
Es lohnt sich, sich beim ThEx AWARD zu bewerben, weil es natürlich eine riesige Anerkennung ist, wenn man gewinnt. Aber auch die Bewerbung selbst ist schon ein Gewinn für das eigene Unternehmen, weil sie von einem fordert, sich mit dem Status Quo auseinanderzusetzen: Wo stehen wir gerade überhaupt? Was macht uns eigentlich aus? Das war ein unheimlicher Reflexionsprozess. Danach bist du viel weiter und siehst klarer. Darüber hinaus bringt eine Bewerbung einen auch dazu, an den verschiedenen Veranstaltungen teilzunehmen, man bekommt eine Bühne und hat die Möglichkeit, sich mit anderen zu vernetzen. Und natürlich ist die Trophäe auch super schön. Die kann man sich gut zum Angeben ins Regal stellen (lacht).
Was macht Ihnen gerade Hoffnung für die Zukunft?
Mir gibt Hoffnung, dass ich weiß, dass Krisen auch immer wieder vorbeigehen und dass die Welt gar nicht so schlimm ist, wie man vielleicht denken mag. Wir tendieren dazu, zurückzuschauen und die Vergangenheit zu idealisieren, aber merken dabei gar nicht, dass die Welt immer besser geworden ist. Natürlich gibt es Rückschläge – in der Weltgeschichte genauso wie in unseren persönlichen Geschichten. Aber es wäre ja auch total langweilig, wenn alles nur eine Konstante wäre. Es würde ja auch niemand in eine Achterbahn steigen, die nur geradeaus fährt. Nichts ist langweiliger, als ein Spiel, in dem man immer nur gewinnt. Dann hat es keinen Wert mehr. Wert hat nur das, wofür wir uns auch anstrengen müssen. Ich denke, dass das Leben nur über Kontraste funktioniert.